Reisebericht von Rudi

Der nachfolgende Bericht beschreibt sehr schön die eigenen Erfahrungen einer Adoptantin und ist empfehlenswert, denn er beantwortet euch vielleicht die Frage, ob ihr für das „Abenteuer“ Adoption die Richtigen seid.

Rudi

Mein neues Familienmitglied – Rudi – ist einer von diesen ominösen Straßenhunden, von denen man
immer hört. Nicht jeder hat in seinem unmittelbaren Umfeld jemanden, der die Erfolgsgeschichte
Straßenhund miterlebt hat. Und Skepsis ist im Internet immer berechtigt, vor allem wenn es um
Lebewesen geht.
Diese Zeilen richten sich an alle, die sich ernsthaft mit dem Gedanken auseinandersetzen, einem
Straßenhund ein dauerhaftes Zuhause zu geben. Ich möchte euch erzählen, wie der
Adoptionsprozess für mich ablief.


Inhalte:

  1. Wie man zu einem Straßenhund aus Mazedonien kommt
  2. Vertrauen zur Organisation
  3. Entscheidungsprozesse
  4. Transport
  5. Erste Tage und Wochen
  6. Fazit
  7. Hilfreiche Links zur Hundeerziehung

Wie man zu einem Straßenhund aus Mazedonien kommt

Für meinen Partner und mich stand schon länger fest: Wir wollen einen Hund haben. Unsere grobe
Vorstellung war, dass der Hund etwas größer und wuschelig sein soll – und Katzen sollte er bereits
kennen. Der erste Anlaufpunkt waren also die einschlägigen Hundeseiten im Internet. Dort entdeckte
ich dann eine Anzeige von der bildhübschen Junghündin „Marcie“: Eine Junghündin aus Mazedonien.
Standort Ovelgönne – das ist ja quasi ums Eck! Also schrieb ich die Anzeigenerstellerin – Kirsten – an
um mich zu informieren, ob wir die Hundedame kennenlernen dürfen.

Am Telefon erfolgte für mich ein kurzer Moment der Ernüchterung: Marcie befindet sich noch in
Mazedonien – und es gibt 8 weitere Interessenten. Das Ganze entfachte eine völlig neue Diskussion
in meiner Familie. Würden wir einer wildfremden Person aus dem Internet vertrauen, einen Hund
aus rund 2000km Entfernung (Direktweg Skopje-Oldenburg) zu uns zu bringen?

Vertrauen zur Organisation

Nach einem kurzen Austausch über WhatsApp vereinbarten Kirsten und ich ein Telefonat. Zugegeben
– ich war zunächst von der ganzen Sache überhaupt nicht überzeugt. Wir alle wissen wie das Internet
ist und was für Leute man dort trifft. Horrorgeschichten über illegale Tiertransporte, Tierquälereien,
Menschen, die einem das Geld aus der Tasche ziehen wollen – denen Tiere egal sind – das alles war in
meinem Kopf. Aber Kirsten nahm sich äußerst geduldig Zeit und beantwortete jede meiner Fragen,
von der Gesundheit des Tieres zum Ablauf des Transports zu Geldsachen. Ist es überhaupt legal
solche Hunde nach Deutschland zu bringen? Werden die Hunde gut versorgt, wo sie jetzt sind? Ich
erfuhr von den angemeldeten Hundetransporten, die sogar das Veterinäramt miteinbeziehen. Nach
unserem Gespräch folgten noch unzählige Videos und Fotos zur Hündin, bei der ich mich selbst
davon überzeugen konnte, wie liebevoll die Tierschützer vor Ort sind. Das Telefonat und Kirstens
kritische Art waren es, die meinen Partner und mich überzeugt hatten. Sie versuchte nicht, uns einen
Hund anzudrehen und machte auch klar, dass sie nicht daran interessiert ist die Hunde an
irgendwelche Menschen loszuwerden. Es muss für beide passen, der Hund soll ein zuhause auf
Lebenszeit haben. Also wollten wir es versuchen. Es folgte das Ausfüllen einer Selbstauskunft (Quasi:
Wer bist du, wie wohnst du, hast du dir das mit dem Hund auch wirklich überlegt?) und eine
Vorortkontrolle bei uns, bei der wir Kirsten kennenlernen konnten.

Der Termin war weniger eine Hausdurchsuchung und mehr ein Abfühlen voneinander. War Kirsten
die Person, als die sie im Internet auftritt? Waren wir geeignet einem Hund ein Zuhause zu geben?
Stimmten die Informationen, die wir in der Selbstauskunft angegeben hatten? Für beide Parteien
passte es – und somit landeten wir offiziell auf der Warteliste für Marcie. Und das Hoffen, uns gegen
die anderen Interessenten durchzusetzen, startete.

Entscheidungsprozesse

Machen wir’s kurz: wir bekamen die Zusage nicht. Ein herber Schlag in meinen schockverliebten
Magen, doch Kirsten war offen zu mir. Es war auch für sie keine leichte Entscheidung. Sie hatte mit
der Pflegestelle von Marcie alle Eventualitäten durchgesprochen und dachte, dass eine andere
interessierte Familie noch etwas besser zu Marcie passen würde. Irgendwem müssen sie an dieser
Stelle absagen – für niemanden ist das schön. Sie verwies mich gleichzeitig auf die Seite
strassenhunde-mazedonien.de – ob vielleicht auf einer anderen Pflegestelle noch ein Hund sei, der
mir gefiele? Doch selbst beim Durchblättern löste keiner der Hunde das „Marcie-Gefühl“ bei mir aus.
Klingt gemein, oder? Ich fühlte mich richtig dreckig dafür, denn süß sind sie alle. Ein Zuhause konnten
wir aber nur einem geben – und das vorab-kennenlernen ist nun mal nur per Fotos / Videos möglich.
Ein paar Tage Stille, bis mir Kirsten ein paar ganz bestimmte Fotos sendete.

Und da war es wieder: Das Marcie-Gefühl. Ah, wie verliebt ich in diese treuen Augen war. Wir ließen
nochmal ein paar Tage Bedenkzeit verstreichen und gaben Kirsten schließlich die Zusage für „Faith“.
Es wurde ein Schutzvertrag aufgesetzt und wir überwiesen die Schutzgebühr per PayPal an Kirsten.
Interessanterweise fühlte sich das zu dem Zeitpunkt nicht mehr komisch an. Wir hatten bis dahin
schon drei Mal persönlichen Kontakt zu Kirsten und waren sogar bei ihr zu Hause. Den Status
„Irgendeine Person aus dem Internet“ hatte sie also schon lange verloren.

Transport

Machen wir uns nix vor: so eine lange Autofahrt ist stressig. Im Gegensatz zu den Straßen von
Mazedonien ist das jedoch ein Klacks, und was die Hunde am Ende der Strecke erwartet ist ein tolles
Leben, auf das sie davor kaum eine Chance gehabt hätten. Unser Transporter fuhr zu Hochzeiten von
Corona mit massiven Grenzkontrollen los. Zusätzlich begann es überall, heftig zu schneien und die
Grenzen waren voller Stau. Und trotz über 24h Verspätung hat Faith – oder wie er nun heißt, Rudi, es
gut überstanden. Die Hunde werden in einer Transportbox mit Wasser, einem Pinkel-Pad und Futter
transportiert.

Wir Adoptanten waren in einem gemeinsamen Facebook-Chat und wurden informiert, sobald es
Neuigkeiten vom Transporter gab. Für uns war die Aufgabe dann einfach nur Abwarten und Tee
trinken. Vielleicht schon mal das Körbchen vorwärmen.
Der Transporter kam schließlich an – unserer lieferte uns den Hund direkt vor die Haustür – was
anscheinend eher unüblich ist. Die Meisten Transporter halten an Abholpunkten an, wo verschiedene
Adoptanten ihre Hunde einsammeln und nach Hause bringen. Wir erhielten den Reisepass vom Hund

sowie ein Halstuch, das die Organisatorin des Transports für jeden Hund genäht hatte. Rudi aber
wollte nur zwei Dinge: Pinkeln und schlafen. Beides führte er prompt und in dieser Reihenfolge aus.

Erste Tage und Wochen

Interessanterweise verstehen Hunde das Leben recht schnell. Überlebenskünstler sind sie ja. Rudi
war in der ersten Woche eine unglaubliche Nervensäge. Alles wird beschnuppert, angekaut,
angeleckt. Stuhlbeine angeknabbert, versucht den Katzen das Futter zu klauen. Er kannte das Leben
im Haus nun mal noch nicht und wir waren diejenigen, die es ihm nun beibringen mussten. Doch
nicht nur er lernte. Da es unser erster Hund ist, mussten wir verstehen was „konsequent sein“
wirklich bedeutet. Sei es, feste Zeiten einzuhalten oder in Situationen, wo man kurz Ruhe braucht,
den Hund um sich herumtanzen zu haben (Homeoffice lässt grüßen!). Wir sind froh, dass wir
durchgehalten haben. Nach nur einer Woche – einer UNGLAUBLICH NERVENAUFREIBENDEN WOCHE
– war Rudi plötzlich der entspannteste Engel auf Erden, der genau wusste, was er wann darf. Nach
nur zwei Tagen beherrschte er „Sitz“ und wartete auf sein Futter, bis wir Kommando zum Fressen
gaben.
Das Leben in Deutschland stellen wir ihm seitdem langsam und stetig vor. Durfte er sich am ersten
Tagen nur im Garten erleichtern, wurde es kurz darauf der Grünstreifen am Ende der Straße. Bald
darauf eine größere Runde um einen Teich und schließlich zum nahegelegenen Stadtpark.
Mittlerweile, zwei Wochen später, fährt er mit uns auch im Auto zu Ausflugzielen. In Zeiten von
Corona warten wir sehnsüchtig auf das Öffnen der Hundeschulen, um ihm weitere Tricks und Kniffe
beizubringen.

Fazit

Wir sind dankbar. Rudi bereichert unser Leben jeden Tag. Er lernt schnell, er ist aber auch
selbstständig und ein Sturkopf. Wir bewegen uns deutlich mehr als in der Zeit vor ihm und fühlen uns
dadurch fitter. Er gibt uns jeden Tag so viel, dass es unsere Lebensqualität enorm steigert.

Ich würde es immer wieder tun und kann diese Erfahrung jedem empfehlen, der sich ausgiebig
Gedanken gemacht hat, wie viel Arbeit ein Hund ist.